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("Die Konsequenz")

Die Konsequenz

Regie: Wolfgang Petersen
Produktion: BRD 1977

Länge: 95 Min.

Dokumentation: Bayern im November 1977

Am Dienstag, 08. November 1977 blendete sich der Bayerische Rundfunk
aus dem TV-Film "Die Konsequenz" aus.


Fernseh-Vorschau
Unter Männern (Fernseh-Vorschau aus DIE ZEIT, Nr. 46, 04. November 1977)

ARD, Dienstag, 8. November, 21.15: "Die Konsequenz" von Wolfgang Petersen und Alexander Ziegler

Zwanzig Filme in sechs Jahren: Nur Fassbinder ist hierzulande produktiver als Wolfgang Petersen, der sich schon 1972 einen Namen machte als Regisseur des bis heute besten "Tatort"-Krimis ("Jagdrevier", ein holsteinischer Western), der im gleichen Jahr Wolfgang Menges "Smog" in einen dokumentarischen Horrorfilm über die Unbewohnbarkeit der Städte umsetzte und 1973 mit "Einer von uns beiden" ein beachtliches Kino-Debüt gab. In den letzten Jahren freilich schien der alte Schwung unwiederbringlich dahin: mit mittelmäßigen Krimis ("Aufs Kreuz gelegt", "Vier gegen die Bank") und braven sozialkritischen Pflichtübungen (die Zweiteiler "Stadt im Tal" und "Stellenweise Glatteis") entwickelte sich Petersen mehr und mehr zum technisch versierten, glanzlos zuverlässigen Fernseh-Routinier. Man konnte sich darauf verlassen, daß er seine Drehzeiten einhielt, seine Budgets nicht überzog und allemal ein ordentliches Produkt ablieferte: das ist durchaus nicht die Regel in diesem Gewerbe, für einen Mann mit Petersens Talent auf die Dauer aber doch zu wenig.

Petersens zwanzigster Film macht wieder Hoffnung für die Zukunft des Regisseurs, nicht nur seines ungewöhnliches Themas wegen. Nach dem autobiographischen Roman "Die Konsequenz" des Schweizers Alexander Ziegler, mit dem zusammen Petersen auch das Drehbuch schrieb, erzählt er eine Liebesgeschichte unter Männern: im Gefängnis lernt der Schauspieler Martin Kurath (Jürgen Prochnow), verurteilt wegen der "Verführung eines Minderjährigen", den 16jährigen Thomas (Ernst Hannawald), Sohn eines Aufsehers kennen. Liebe auf den ersten Blick, mit all den Schwierigkeiten, die auch ein hetero-sexuelles Verhältnis unter diesen Umständen belasten würden: Empörung bei den Eltern, Thomas kommt ins Erziehungsheim, Martin verhilft ihm zur Flucht über die Grenze nach Deutschland, ein falscher Freund taucht auf, die Liebe geht kaputt, Jahre später sieht man sich wieder, Thomas will sich umbringen und landet in einer psychiatrischen Anstalt.

Das böse Ende dieser Liebesgeschichte setzt Petersen an den Anfang seines Films, erzählt den Fall in einer langen Rückblende: doch nicht als wohlfeilen, sich beim Zuschauer anbiedernden Sozialkitsch, sondern tatsächlich als Liebesgeschichte - ganz altmodisch, spröde, neugierig, zärtlich, banal. Im Gegensatz etwa zu Rosa von Praunheim, der mit seinem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers ..." eine direkte Provokation suchte, zeigen Petersen und Ziegler - ohne Prüderie, aber auch ohne spektakuläre Einlagen - die Normalität einer homosexuellen Beziehung. Und gerade aus dieser Selbstverständlichkeit, mit der sich der Film in die Gefühlswelt der beiden Männer einläßt, bezieht er seine Wirkung. Der Zuschauer, sagt Petersen, soll am Ende vergessen haben, daß sich hier zwei Männer lieben.

"Die Konsequenz" ist weder herablassend jovial noch schlüpfrig, nur manchmal, in der Zeichnung einiger negativer Kontrastfiguren, zu grobschlächtig didaktisch im schlechten Fernseh-Sinn. Doch über diese Schwächen helfen die nuancierte Schwarzweiß-Photographie und das unglaublich intensive Zusammenspiel von Jürgen Prochnow und dem 17jährigen Laien Ernst Hannawald hinweg. Dieser Junge, der selber viel von dem erlebt hat, was Thomas Manzoni in der "Konsequenz" zustößt, spielt seine Rolle mit einer Authentizität und emotionalen Betroffenheit, wie es sie im Fernsehen kaum je zu sehen gibt.

Hans C. Blumenberg


Minderheiten
Eine ganz normale Männerliebe (stern, 03.11.1977)

Ein 16jähriger schläft mit einem Schriftsteller: Daraus hat der Regisseur Wolfgang Petersen für den WDR einen Spielfilm gemacht, der um Verständnis für Schwule wirbt.

Zwei junge Menschen lieben sich. Verwandte und Bekannte sind gegen die Beziehung. Die Affäre endet traurig. Das war schon bei Romeo und Julia so. Es ist die alte Geschichte. Trotzdem erwartet der Westdeutsche Rundfunk am kommenden Dienstag einen Sturm der Entrüstung, wenn zwischen 21.15 Uhr und 22.55 Uhr im 1. Programm der Film "Die Konsequenz" läuft. Denn die beiden, die sich da streicheln und küssen, gegenseitig entkleiden und nach der Liebe glücklich lächelnd beieinanderliegen, sind Männer - Schwule, Tucken, Homos, Wichser, Arschficker, wie sie im Film beschimpft werden.

Der erste deutsche TV-Film über Männerliebe - weniger provozierend als Rosa von Praunheims Attacke "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", auch keine hämische Tuntenballade wie Charles Dyers Erfolgsstück "Unter der Treppe" - geht auf eine authentische Geschichte zurück.

Im Juni 1967 wird der Schweizer Schauspieler Alexander Ziegler zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen homosexueller Beziehungen zu einem 15jährigen  verurteilt. Im Zuchthaus Lenzburg lernt er den 16jährigen Sohn eines Aufsehers kennen. Der Junge verliebt sich in den Häftling und verbringt sogar eine Nacht in dessen Zelle. Nach der Haftentlassung ziehen die beiden in eine gemeinsame Wohnung. Alles sieht nach einem Happy-End aus. Doch da erscheint eines Tages die Polizei und liefert den Jungen in eine Erziehungsanstalt ein. "Aha, da kommt unser Schwulinger", begrüßt ihn der Erzieher vor den Heimzöglingen. "Etwas sag' ich dir gleich: Meine Gruppe wird nicht versaut. Wenn du etwas brauchst, um dich abzureagieren, kannst du dir eine Karotte in den Arsch stecken."

Der Homosexuelle wird auf jede Art gedemütigt, ist hoffnungslos ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der anderen. Mit Zieglers Hilfe gelingt es ihm zu fliehen. In der Bundesrepublik versucht Ziegler durch einen Hamburger CDU-Politiker eine Aufenthaltsgenehmigung für seinen Freund zu bekommen. Der Bundestagsabgeordnete, der nach eigenem Geständnis "zusammen mit mindestens einem Dutzend ebenfalls homophiler Kollegen" 1969 im Bundestag gegen die Reform des Paragraphen 175 gestimmt hatte, verspricht dem Jungen Hilfe - doch nur, um ihn zu sich ins Bett zu locken. Als Ziegler die Geschichte unter dem Titel "Die Konsequenz" veröffentlichen will, versucht der CDU-Mann - so der Schweizer - das mit einem 50 000 Mark-Scheck zu verhindern. Zieglers Buch ist inzwischen erschienen.
Sein Freund landet währenddessen wieder in der alten Erziehungsanstalt. Mit 20 Jahren wird er entlassen. Gebrochen unternimmt er einen Selbstmordversuch, landet schließlich in einer psychiatrischen Klinik.
Damit endet der Film. Inzwischen lebt Alexander Ziegler mit seinem Freund zusammen. Eine Gesichtsnarbe, die vom sadistischen Erzieher des Jungen stammte, wurde durch eine Schönheitsoperation entfernt. Sein Freund arbeitet heute als Krankenpfleger.

Für Regisseur Wolfgang Petersen ("Smog", "Reifezeugnis") war der Film über eine Randgruppe "der Versuch, das Verhältnis zu den rund zwei Millionen homosexuellen Mitbürgern zu entspannen". Der Zuschauer vor dem Bildschirm soll sich nach und nach daran gewöhnen, daß es sich um ein "normales" Liebesverhältnis handelt. Daß Petersen dies gelungen ist, liegt nicht zuletzt an den beiden Hauptdarstellern.
Unter 50 Bewerbern suchte der Regisseur sich zwei Tage vor Drehbeginn Ernst Hannawald heraus, einen 17jährigen Bayern, der von zu Hause getürmt ist und jetzt bei einer Freundin in Amsterdam lebt. Den Part des Schriftstellers und Schauspielers Ziegler spielt Jürgen Prochnow. Der sagt über seine delikate Rolle: "Homosexuelle Erfahrungen habe ich nie gehabt, aber ich habe bei den Dreharbeiten erfahren, daß es ganz natürlich ist, als Mann einen Mann zu streicheln und zu küssen, wenn man ihn liebt."

Jörn Voss


Noch immer ein Tabu?
"Die Konsequenz" – Liebe zwischen Männern (Frankfurter Rundschau, Freitag, 08.11.1977)

Homosexualität ist in unserer Gesellschaft, auch nach der Abschaffung des Paragraphen 175, noch immer weitgehend tabuisiert; eine Minderheit der homosexuellen Männer versteckt sich in der Subkultur, der Mehrheit versucht, durch die Vorspiegelung normaler Lebensumstände unerkannt zu bleiben. Selten nur bekennen sich Homosexuelle ganz offen zu ihrer Veranlagung; meist Künstler, wie etwa Rosa von Praunheim mit seinem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" oder der Schweizer Schriftsteller Alexander Ziegler, der 1970 mit seinem Roman "Labyrinth - Report eines Außenseiters" an die Öffentlichkeit trat.

Der 1944 in Zürick geborene Autor, auch bekannt als Film- und Fernsehdarsteller, schildert in seinem vor zwei Jahren erschienenen Roman "Die Konsequenz" die Geschichte zweier Männer, die ihr Bekenntnis zur Homosexualität, ihr gleichgeschlechtliches Zusammenleben gegen die Vorurteile und Anfeindungen durchsetzen wollen. Aus diesem Stoff machte jetzt Regie-Star Wolfgang Petersen ("Smog", "Reifezeugnis") in Zusammenarbeit mit Alexander Ziegler den gleichnamigen Fernsehfilm, der heute ins ARD-Programm kommt; eine Produktion des WDR, der kürzlich erst mit Gabi Kubachs Film "Das Ende der Beherrschung" die Problematik einer lesbischen Beziehung aufgegriffen hat.
"Wir zeigen eine Liebesgeschichte, die es in dieser Form auf dem Bildschirm wohl noch nicht gegeben hat", erläutert Wolfgang Petersen. "Hier sind zwei junge Menschen, die füreinander da sein, füreinander sorgen möchten - Leute, die nichts anderes wollen als jeder Mann und jede Frau. Es geht in diesem Film um die Beziehung zwischen diesen beiden Menschen, um ihre Fähigkeit und Bereitschaft zu lieben - wobei es keine Rolle spielt, daß dies, wie in unserem Fall, zwei Männer sind."
Ziegler, der in seiner Schweizer Heimat eine Haftstrafe wegen Homosexualität verbüßen mußte, orientiert seinen Roman weitgehend an den autobiographischen Erfahrungen. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Schauspieler Martin Kurath, der wegen "Verführung Minderjähriger" zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde und in der Haft, anläßlich einer von ihm geleiteten Theateraufführung, den 16jährigen Thomas Manzoni, Sohn eines Aufsehers, kennenlernt. Bei den intensiven Probearbeiten erkennen die beiden Männer ihre tiefe Zuneigung füreinander und beschließen, nach Martins Entlassung zusammenzubleiben. Die Eltern des Jungen allerdings haben dafür kein Verständnis und erwirken die Einweisung Thomas' in eine Erziehungsanstalt. Dort wird die Persönlichkeit des Jungen durch die Demütigungen der Mithäftlinge und der Aufseher nach und nach deformiert.

Ziegler und Petersen versprechen sich von diesem Fernsehfilm eine aufklärerische Wirkung und hoffen auf mehr Verständnis bei den von Vorurteilen belasteten Zuschauern. Ziegler: "Ich mache immer wieder die Erfahrung, daß Homosexuelle, die sich öffentlich zu ihrer Neigung bekennen, völlig normal behandelt und akzeptiert werden. Die Gesellschaft bringt oft mehr Verständnis für die Homosexuellen auf als letztere für die Gesellschaft ... Ich hoffe, daß sehr viele Eltern den Film anschauen, auch Eltern, die Kinder haben, die homosexuell sind, und daß sich diese Eltern eine ganz andere Einstellung zu dieser Problematik bekommen."

Die Hauptrolle des Films besetzte Wolfgang Petersen mit Jürgen Prochnow ("Hans im Glück", für die anspruchsvolle Rolle des Thomas engagierte er nach intensiver Suche den 17jährigen Laien Ernst Hannawald, der diese Aufgabe - nach Meinung des Regisseurs - mit Bravour und großer Sensibilität löste.

K.W.


Ein Eigentor des BR (Frankfurter Rundschau, Dienstag, 8. November 1977)

Für Fernsehzuschauer in Bayern, die heute abend im ARD-Programm den Fernsehfilm "Die Konsequenz" nicht sehen wollen - man könnte fast sagen: nicht sehen sollten -, hält der Bayerische Rundfunk (BR) als attraktives Alternativangebot zwei hintereinander ausgestrahlte Spielfilme in seinem Dritten Fernseh-Programm parat. Damit betreibt der Münchner Sender wieder einmal ARD-feindliche, bedenkliche und unsersiöse Programm-Politik.

Nicht genug, daß der BR die ihm unliebsamen ARD-Montagsmagazine "Panorama" und "Monitor" mit publikumsträchtigen Unterhaltungsprogrammen (Spielfilme und anderes) und die ihm "genehmen" Magazine "Report" aus dem eigenen Haus und aus Baden-Baden dagegen mit läppischen, belanglosen Kultursendungen in seinem Dritten Fernsehen konterkariert - nun treibt diese separatistische Programmstrategie im Münchner Funkhaus auch im Spielbereich bedauernswerte Bildschirmblüten.

"Die Konsequenz" ist, Vorauskritiken zufolge, eine durchaus ansehenswerte Arbeit des Regisseurs Wolfgang Petersen, die sich nicht auf aggressiv-spektakuläre Weise wie Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", sondern sehr delikat mit dem Thema "Homosexualität" auseinandersetzt. Offensichtlich aber hält der BR bayerische Zuschauer nicht für reif und aufgeschlossen genug, um die Geschichte einer Männerliebe verkraften zu können.

Der Schachzug, "Die Konsequenz" mit zwei Kinofilmen austricksen zu wollen, ist ein herrliches Eigentor, das die Moralapostel in der Programmdirektion des BR in Sachen TV-Kontrast geschossen haben - getreu nach dem Motto, der Bildschirm möge sauber bleiben, auf daß der Zuschauer keinen Schaden nimmt an seiner Seele. Welch' Schöne-Heile-Welt-Philosophie, die da für bayerischen Publikum praktiziert wird.

K.M.


Eine ganz normale Beziehung
A. Zieglers autobiographischer Film "Die Konsequenz" über ein homosexuelles Verhältnis (Süddeutsche Zeitung 08.11.1977)

Der homosexuelle Schweizer Schauspieler und Schriftsteller Alexander Ziegler bekennt sich seit Jahren mit seinen Büchern, Theaterstücken und in der Öffentlichkeit mit letzter Konsequenz zur eigenen Homosexualität und zu seinem jungen Freund, dessen schwieriges Schicksal er in dem offenbar authentisch-autobiographischen Roman "Die Konsequenz" dargestellt hat. Nach diesem Buch hat er zusammen mit Regisseur Wolfgang Petersen auch das Drehbuch zu dem heutigen Fernsehfilm geschrieben.

Petersen hat das Spiel nicht nur aus Kostengründen in Schwarz-Weiß gedreht, sondern vor allem auch aus ästethischen, weil diese Männerliebe zwischen einem Mitzwanziger und einem hübschen Sechzehnjährigen in Farbe vielleicht zu kitschig, zu emotional und sentimental gewirkt hätte. Petersens Film ist sehr dezent inszeniert und an keiner Stelle vulgär, er soll niemanden provozieren, schockieren oder aufklären wie vor Jahren Rosa von Praunheims Homospiel, seine Zuschauer sollen möglichst oft vergessen, daß es keine "normale" Beziehung ist, die von den Paragraphen, Eltern und Ämtern so erschwert wird. Schauspieler Jürgen Prochnow, der erklärtermaßen ohne jede homosexuelle Erfahrung zum erstenmal einen Homosexuellen spielt, eben die autobiographische Rolle des wie dieser "Martin" zwei Jahre inhaftierte Autor Ziegler, meinte nach der Kölner Vor-Aufführung: "Solche äußeren Schwierigkeiten in einem Liebesverhältnis, in dem sich einer für den anderen über Jahre hinweg verantwortlich fühlt, kann man mit einer gleichgeschlechtlichen Beziehung genauer und deutlicher darstellen als mit einer heterogenen."

Nur mit dramaturgischen und produktionstechnischen Gründen und nur, weil in der Schweiz keine Drehgenehmigung zu bekommen war, kann wohl nicht ganz erklärt werden, warum Zieglers Stück zwar weiterhin in der Schweiz spielt, aber in Deutschland gedreht wurde. So können sich die deutschen Zuschauer ein bißchen weniger betroffen fühlen von der einerseits diskret zärtlichen Liebesgeschichte und dem andererseits erschütternden Leidensweg des sympathischen jungen Thomas (Ernst Hannawald), der von den Eltern und dem Lehrherrn verstoßen und von einem Richter schließlich in ein brutales Erziehungsheim eingewiesen wird. Dabei werden es deutsche Väter, Mütter und Ausbilder bestimmt ähnlich als Schande empfinden, wenn ein Junge in Thomas' Alter sich zu einem Mann hingezogen fühlt, werden in vielen unserer Heime die Jugendlichen ebensowenig erzogen, sondern gebrochen, nicht "gebessert", sondern gequält, wie in dem gezeigten Schweizer Institut.

Der heute 17jährige Hauptdarsteller Ernst Hannawald floh aus kaputten Familienverhältnissen und verschiedenen Erziehungsheimen, wollte in London ein berühmter Pop-Musiker werden, von wo ihn eine Freundin mit nach Amsterdam nahm. Dort lebt er heute wieder, ohne Ausbildung und Arbeit, mit ziemlich unrealistischen Zukunftsplänen. Kürzlich noch sagte er zu Petersen, er verschiebe sein Schicksal auf die Wochen nach dem 8. November.

W.F. Muthmann


Vorurteile gegen Männerliebe
BR blendet sich aus dem TV-Film "Die Konsequenz" aus (Abendzeitung, 08. November 1977)

Der Bayerische Rundfunk schert wieder einmal aus: Während die Zuschauer in allen anderen Bundesländern heute um 21.15 Uhr Wolfgang Petersens Homosexuellen-Liebesgeschichte "Die Konsequenz" sehen können, schaltet sich Bayern aus und sendet lieber Hans W. Geissendörfers "Der Sternsteinhof".

In Wolfgang Petersens Film, der bereits mit viel Erfolg bei den Hofer Filmtagen gezeigt wurde, und der wegen seiner künstlerischen Qualitäten auch bei der nächsten Berlinale im Forum-Programm laufen soll, erzählt - nach Alexander Zieglers Roman - die Beziehung zweier Männer: Der homosexuelle Schauspieler Martin Kurath lernt im Gefängnis den sechzehnjährigen Sohn eines Aufsehers kennen. Nach Kuraths Freilassung ziehen die beiden in eine gemeinsame Wohnung. Doch die Eltern des jungen Thomas - gespielt von dem 18jährigen Ernst Hannawald - alarmieren das Jugendamt und veranlassen die Einweisung in ein Erziehungsheim, wo Thomas wegen seiner "anormalen Neigung" systematisch zerbrochen wird.

Wo Regisseur Petersen ("Reifezeugnis") ganz behutsam eine Liebesgeschichte erzählen will, die in ihrer Natürlichkeit vergessen machen soll, daß solches als "abartig" gelten könnte, sehen die BR-Verantwortlichen eher Negatives. So heißt es in der offiziellen Begründung für das Abschalten: "Der Bayerische Rundfunk sieht in dem Film, unbeschadet seiner sonstigen Qualitäten und seiner guten Absichten, die Vorurteile und Voreingenommenheit gegenüber Homophilen in der Bevölkerung verstärkt."
Weiter heißt es: "Der BR möchte sich an einer weiteren Verankerung und Verbreitung eines vorhandenen Stereotyps nicht beteiligen. Unabhängig davon hat der Film zwei Stellen, die einen Verstoß gegen zwingende Vorschriften des Gesetzes über den Bayerischen Rundfunk enthalten. Der Westdeutsche Rundfunk war nicht bereit, mit zwei Schnitten den Erfordernissen unseres Gesetzes Rechnung zu tragen.

Auf die Frage, welche zwingenden Vorschriften durch welche Szenen verletzt worden seien, meinte der Leiter der BR-Pressestelle Arthur Bader (sowohl Intendant Reinhard Vöth, als auch Fernsehdirektor Helmut Oeller waren wegen einer Sitzung nicht erreichbar): "Die Entscheidung geht auf § 4, Absatz 11 des Rundfunkgesetzes zurück, nach dem in Filmen keine Vorurteile gegen Minderheiten gefördert werden dürfen." Eine genaue Angabe der strittigen Szenen konnte nicht gemacht werden.

Durchschaubare Umkehrung

Regisseur Wolfgang Petersen: "Das ist eine sehr durchschaubare Umkehrung dessen, was der Film eigentlich will. Wenn ein Film etwas gegen die Vorurteile Homophilen gegenüber tun kann, dann ist es dieser. Das kommt mir wie ein Scheinargument vor!"

Während sich die BR-Indendanz heute noch einma auf einer ARD-Schaltkonferenz mit der Absetzung auseinandersetzen will - eine Rücknahme der Entscheidung ist allerdings nicht zu erwarten -, bleibt den bayerischen TV-Zuschauern, denen schon 1973 Rosa von Praunheims Homosexuellen-Epos verboten wurde, ein kleiner Trost: der Verleih der "Konsequenz" will den Film nun möglichst bald in die Kinos bringen - wo sich dann jeder eine eigene Meinung bilden darf.

Vivian Naefe


Wer schützt uns vor Beschützern?
Zur Absetzung der "Konsequenz" durch den BR (Abendzeitung, 09. November 1977)

"Ich mache immer wieder die Erfahrung, daß Homosexuelle, die sich öffentlich zu ihrer Neigung bekennen, völlig normal behandelt und akzeptiert werden. Die Gesellschaft bringt oft mehr Verständnis für die Homosexuellen auf, als letztere für die Gesellschaft". Als Alexander Ziegler, der Autor des Homosexuellen-Films "Die Konsequenz" diesen optimistischen Satz sagte, kannte er offensichtlich Bayern und dessen freistaatlichen Rundfunk noch nicht. Denn auch nach der gestrigen Schaltkonferenz der ARD-Intendanten blieb BR-Intendant Reinhold Vöth bei seiner Entscheidung, den Film (Regie: Wolfgang Petersen) im Bayerischen Rundfunk als einzige von neun Fernsehanstalten der ARD nicht auzustrahlen (die AZ berichtete).

Wieder einmal muß für eine solche Bevormundung der Zuschauer die fadenscheinige Begründung herhalten, daß ein Film über die Probleme einer Minderheit nur die Vorurteile gegenüber dieser Minderheit verstärke. Eine Argumentation, in der der BR seit der Absetzung des Homosexuellen-Films von Rosa von Praunheim 1973 schon eine gewisse Routine hat. Doch: Konnte man bei Praunheim noch geteilter Meinung sein, so ist Petersen's Film bei allen ernstzunehmenden Kritikern, die ihn bereits gesehen haben, als einer der gelungensten Appelle zu Toleranz und Verständnis für Homosexuelle verstanden worden. Sicher: Jemand, der voll ist von Vorurteilen gegenüber "Schwulen", läßt sich auch durch diesen Film nicht belehren.

Bleibt die Frage: Wer hat hier die Vorurteile?

Helmut Oeller, der Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, auf dessen Betreiben die Absetzung erfolgte, läßt in der Begründung weiter erklären: "Das Gefühl der Isoliertheit und Ausweglosigkeit wird bei den Homophilen selbst ebenfalls durch die Geschichte und Darstellung des Films noch vergrößert."
Frage: Woher weiß Herr Oeller das? Hat er den Film gemeinsam mit Homosexuellen gesehen und diskutiert?
Bleibt der Vorwurf, "Die Konsequenz" sei stellenweise anstößig. Statt aber nun dem so gern "mündig" genannten Zuschauer die Entscheidung selbst zu überlassen, wann er wegschauen oder auch abschalten will, demonstriert Herr Oeller hier ein Kunstverständnis, wie es zuletzt der selige Landtagsabgeordnete Filser des Ludwig Thoma hatte, der genau wußte, wo die Kunst aufhört und die "Sauerei" anfängt: nämlich unterhalb des Bauchnabels.

Proteste von SPD, FDP, von zahlreichen Bürgern und selbst von Hanns W. Geissendörfer, dessen "Sternsteinhof" anstelle der "Konsequenz" gesendet wurde, konnten Oeller und Vöth nicht abhalten, Bayerns Bürger durch Abschalten von dem Nachdenken zu "schützen".

Frage: Wer schützt uns vor solchen Beschützern?

Fritz Janda


Separation auf bayrisch (Süddeutsche Zeitung, 09.11.1977)

Fünfmal hat sich der Bayerische Rundfunk aus dem seit 23 Jahren von neun Landesrundfunkanstalten gemeinsam getragenen ARD-Programm herausgestohlen, jedesmal mit der Begründung, einen Verstoß gegen das bayerische Rundfunkgesetz vermeiden zu wollen. Der vorletzte Fall betraf wie bei dem Fernsehfilm "Die Konsequenz" einen Film zur Homosexuellen-Problematik. Reinhold Vöth hatte damals, Anfang 1973, gerade sein Amt als Intendant des Bayerischen Rundfunks angetreten. Der Beschluß zum Ausblenden war jedoch noch von seinem Vorgänger Wallenreiter gefaßt worden, so daß sich Vöth bisher immer rühmen konnte, keine Programmseparation Bayerns betrieben zu haben.

Um so unverständlicher ist es, daß er sich nun von Fernsehdirektor Helmut Oeller dazu veranlassen ließ. Das bayerische Rundfunkgesetz ist nicht so viel anders als die Rundfunkgesetze der übrigen Länder in der Bundesrepublik, daß ein solcher Schritt zwingend vorgeschrieben wäre. Im Gegenteil: Die Begründung, durch den Film würden die Vorurteile gegen Homophile bekräftigt, ist keine gesicherte Erkenntnis, sondern lediglich eine Mutmaßung Oellers. Zahlreiche Betroffene haben dagegen gestern beim Bayerischen Rundfunk angerufen und - wie es ein Sprecher der Anstalt formulierte - in höflicher und unpolemischer Form ihre Enttäuschung über die Absetzung mitgeteilt. Auch Oeller selbst hat dafür gesorgt, daß seine Bedenken nicht ernst genommen werden können. "Unabhängig von diesen Bedenken" hätte er den Film übernommen, wenn der WDR zwei Schnitte vorgenommen hätte. Fehlte also etwa eine Vergewaltigungsszene, die den Unterschied zwischen einer gestörten heterosexuellen und einer harmonischen homosexuellen Beziehung dokumentieren sollte, wäre niemand mehr diskriminiert? Aber der WDR wollte nicht, und so bleibt Oeller nur noch übrig, den bayerischen Zuschauer zu diskriminieren.

sa


©  09.02.2010 gay-web e.V.

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